Es durfte wehtun – und ich darf heute anders mit mir sein.
Menschen kommen in meine Praxis mit dem Gefühl,„eigentlich ist doch alles gut gewesen“
– und gleichzeitig ist da ein innerer Druck, eine Leere, eine ständige Anspannung oder das Gefühl, nie so ganz bei sich zu sein.
Dieser Widerspruch ist kein Zeichen von Undankbarkeit oder Überempfindlichkeit.
Er weist oft auf etwas anderes hin: auf einen Mangel, der nicht sichtbar war, aber spürbar wurde.
Psychische Belastungen im Erwachsenenalter lassen sich nicht allein durch aktuelle Lebensumstände erklären. Häufig wirken frühe Beziehungserfahrungen weiter – nicht bewusst erinnert, aber emotional gespeichert.
Und es geht nicht primär um das, was passiert ist, sondern um das, was für eine gesunde Entwicklung nicht ausreichend zur Verfügung stand oder stehen konnte.
Entwicklung geschieht in Beziehung
Kinder entwickeln ihr Selbstbild, ihren Selbstwert und ihre emotionale Regulation in Beziehung zu ihren Bezugspersonen. Diese Erfahrungen sind besonders wichtig für:
- Ein emotionales Gesehen- und Ernstgenommenwerden
- Eine verlässliche Nähe und Schutz
- Die Ermutigung zur Eigenständigkeit
- Rückendeckung bei Unsicherheit
- Und Orientierung und angemessene Begrenzung
Wenn diese Erfahrungen nur eingeschränkt möglich waren – etwa durch Überforderung, eigene Belastungen der Bezugspersonen oder äußere Umstände – passt sich das Kind an das an, was vorhanden ist – nicht an das, was es gebraucht hätte.
Das ist kein Vorwurf, sondern ein Überlebensmechanismus. Diese Anpassung ist sinnvoll und notwendig. Sie kann jedoch langfristig zu inneren Spannungen führen.
Zwei innere Erfahrungen, die prägen können
Wenn wir genauer hinsehen, zeigen sich in der therapeutischen Arbeit häufig zwei Grundthemen, die dabei wichtig sind. Beide bleiben oft bis ins Erwachsenenalter prägend und bedingen sich häufig.
Sie werden manchmal als „Mutter- und Vaterwunde“ bezeichnet – ich spreche hier bewusst anders darüber.
1. Die Erfahrung von emotionalem Gehaltensein
(„Darf ich fühlen, so wie ich bin?“)
Wenn emotionale Nähe, Verlässlichkeit, Verbundenheit oder echtes Gesehenwerden nur begrenzt möglich war, kann das später dazu führen:
- Schwierigkeiten mit Nähe oder Abgrenzung
- Schuldgefühle, wenn eigene Bedürfnisse wichtig werden
- starke Anpassung
- Angst, zu viel zu sein
Nicht, weil etwas falsch war – sondern weil etwas Wesentliches gefehlt hat. Diese Muster sind keine Charaktereigenschaften, sondern frühe Beziehungsstrategien, die einst (dem Kind) Sicherheit ermöglicht haben.
2. Die Erfahrung von Rückendeckung und Ermutigung
(„Darf ich meinen eigenen Weg gehen?“)
Im 2. Aspekt geht es um Orientierung, Bestärkung, Selbstwirksamkeit oder Vertrauen in die eigene Kompetenz. Wenn das wenig spürbar war, entsteht später oft:
- Selbstzweifel
- Leistungsdruck oder Rückzug
- Angst vor Sichtbarkeit
- Unsicherheit in Entscheidungen
Auch hier gilt: Es geht nicht um Schuld, sondern um eine Lücke in der Entwicklungszeit. Auch hier handelt es sich nicht um persönliches Versagen, sondern um nicht ausreichend unterstützte Entwicklungsschritte.
Warum es wichtig ist, das ernst zu nehmen
Viele Menschen versuchen jahrelang, diese Lücken zu „überwinden“:
durch Leistung, Anpassung, Stärke oder Kontrolle.
Doch was gefehlt hat, lässt sich nicht wegoptimieren.
Es will wahrgenommen, eingeordnet, benannt und innerlich nachgenährt werden.
Erst wenn anerkannt werden darf:
„Ja, das war schmerzhaft – auch wenn niemand es böse meinte.“
entsteht innerlich Entlastung.
Warum ist diese Einordnung entlasten?
Viele Menschen bewerten sich selbst hart:
„Ich müsste doch damit klarkommen.“
„Andere hatten es schlimmer.“
„Ich stelle mich wieder an.“
Eine therapeutische Perspektive verschiebt den Fokus: weg von Bewertung und hin zu Verständnis.
Nicht:
„Was stimmt nicht mit mir?“,
sondern:
„Was habe ich gebraucht – aber nicht bekommen?“
Diese Haltung ermöglicht Selbstmitgefühl und öffnet den Raum für Veränderung.
Heute darf es anders sein
Der entscheidende Schritt ist nicht unsere Bewertung der Vergangenheit, sondern die Haltung, die wir in der Gegenwart haben:
- Ich darf meine Geschichte und meine Erlebnisse ernst nehmen.
- Ich darf Mitgefühl für mein früheres Erleben und mich entwickeln.
- Ich darf lernen, mir heute das zu geben, was damals nicht möglich war.
- Ich darf neue Erfahrungen machen – in Beziehungen, im Kontakt, in mir selbst.
Heilung bedeutet nicht, dass alles erklärt oder vergeben sein muss.
Heilung beginnt dort, wo dein eigenes Erleben Gültigkeit bekommt.
Nicht gegen deine Vergangenheit, sondern für dich selbst im Heute.
So kann schrittweise entstehen, was früher gefehlt hat:
innere Sicherheit, Selbstannahme, Orientierung und Wahlfreiheit.
Ein leiser, aber kraftvoller Satz
Es durfte wehtun – und ich darf heute anders mit mir sein.
Dieser Satz lädt überhaupt nicht zur Anklage ein.
Er öffnet einen Raum für Verständnis, Würde und Entwicklung.
Und genau dort beginnt Veränderung, wo das eigene Erleben verstanden und nicht mehr gegen sich selbst verwendet wird.
Bildnachweis: K. Stavenhagen